Tagebuch 9. August

Histo-Bistro

Nach einem gemeinsamen Frühstück, bei dem wie üblich die Anzahl der Mückenstiche verglichen und großzügig Fenistil an alle ausgegeben wurde, begannen wir den Tag mit einem lustigen Aufwärmspiel, das vor allem – aber nicht nur – für die Italiener sprachlich anspruchsvoll war. Im Kreis wurden die Worte Whiskeymixer und Wachsmaske jeweils in unterschiedliche Richtungen – gegen oder im Uhrzeigersinn – weitergegeben und wer einen Richtungswechsel wünschte, sagte dann: „Messwechsel.“ Die italienische Version davon lautete capra campa, capra crepa bzw. ambarababbaciccicoccó.

Anschließend ging es in unsere drei Workshops.

Der Workshop Kunst mit Irene und Giulia stellt als Hauptprojekt ein Plakat her. Als Vorbild diente ein Poster mit Sportübungen für die faschistische Jugend. Diese Übungen wurden nun – ein wenig abgeändert – neu fotografiert und interpretiert. Außerdem arbeitet Marina an einem „Skulptur“-Projekt mit Gips und Tobias möchte die Erzählungen von Adele und Siria über den Verlust ihrer Mutter in einem musikalischen Kunstwerk verarbeiten.

Der Workshop Histo-Bistro mit Petra und Helena hat am Vormittag Interviewfragen erarbeitet, die dann am Nachmittag verschiedenen Zeitzeugen der zweiten Generation gestellt wurden. Dafür machten sie sich in zwei Gruppen in die Stadt auf und befragten verschiedene Menschen, u. a. auch Nachkommen von Partisanen. Die Interviews werden über die nächsten Tage fortgesetzt.

Der Workshop Dokumentation von Wendelin und mir stellte sich ebenfalls mehreren Aufgaben. Zwei Jugendliche aus Erfurt, Luis und Veit, bereiten einen Beitrag bzw. einen Podacast für ein Erfurter Radio, Radio F.R.E.I., vor, in dem sie nicht nur unser Projekt und die Teilnehmenden hier in Sant’Anna vorstellen, sondern auch über den geschichtlichen Hintergrund des Zweiten Weltkrieges und des Massakers in Sant’Anna berichten. Hendrik und ich widmen uns der Übersetzung meines Blogs auf Englisch, damit ein internationaler Austausch möglich ist. Dieser englische Blog wird bald sowohl hier, als auch auf einer neu erstellten Homepage verfügbar sein. Marco, unser einziges italienisches Mitglied,  wird sich ebenfalls mit der Erstellung eines Blogs beschäftigen – natürlich auf Italienisch. Es wird allerdings keine Übersetzung dieses Blogs sein, sondern ein völlig neues Produkt über seine eigenen Erfahrungen und Eindrücke. Links hierzu werden folgen!

Außerdem führten Luis, Nick und ich ein einstündiges Telefon-Interview mit einer Journalistin der Stuttgarter Zeitung, die uns über das Projekt, unsere persönlichen Erfahrungen hier, unseren Weg zu dem Projekt, und zu der Zukunft Europas befragte. Der Artikel wird Freitag oder Samstag erscheinen.

Natürlich werde ich versuchen, ihn hier zu verlinken, sobald er verfügbar ist.

Schneller als gedacht, war auch dieser arbeitsreiche Tag vorbei. Hier noch einige Impressionen des heutigen Tages und aus der Künstlerstadt Pietrasanta.

Autor*in: Christina Gohle

Tagebuch 8. August

Ich umarme Euch alle!

Auch heute begann unser Tag mit einem leckeren italienischen Frühstück. Gestärkt ging es nach Sant’Anna – diesmal mit dem Bus. Als erstes wollten wir den Zeitzeugen Enrico Pieri treffen.

Enrico wurde am 19. April 1934 geboren.

Am 12. August 1944 war er mit seinen zwei Schwestern, seiner Mutter, seinem Vater und seinem Onkel zuhause. Die Männer waren dort geblieben, obwohl sie von den Soldaten gewarnt worden waren, denn sie hatten am Tag zuvor eine Kuh geschlachtet. Da Lebensmittel knapp waren, war das Fleisch dieser Kuh sehr wichtig und jemand musste es schließlich zerteilen.

Die Deutschen trieben die gesamte Familie – zusammen mit anderen – Richtung Kirchplatz. Doch sie kamen dort nie an. Plötzlich hielten die Soldaten an und brachten sie in das Haus der Familie Pierotti. Die kleine Tochter der Familie, Grazia Pierotti, hatte sich unter der Treppe versteckt und rief Enrico zu: „Komm schnell her!“ Also versteckte sich der Junge rasch ebenfalls unter dem Treppenabsatz.

Enrico meinte, dass die Soldaten nicht einmal fünf Minuten gebraucht hätten, um alle Anwesenden in der Küche mit einem Maschinengewehr zu töten. Ein Mädchen hatte sich jedoch in der Bettwäsche versteckt und wurde durch Zufall nicht von einer Kugel getroffen. Damit waren von den zehn Personen im Haus nur noch drei Kinder am Leben.

Die Soldaten zündeten sofort das Haus an. Die drei Kinder hatten jedoch keine Möglichkeit hinauszugehen, denn draußen waren immer noch die Soldaten. Also harrten sie in dem brennenden Haus aus, bis sie fast keine Luft mehr bekamen, so voller Rauch war es. In letzter Sekunde retteten sie sich über den brennenden Fußboden nach draußen und versteckten sich unter einem Haufen Bohnenstroh.

In diesem Moment hatten sie noch gar nicht begriffen, was wirklich passiert war. Sie hatten noch nicht verstanden, dass sie ihre ganze Familie verloren hatten.

Das Haus mit den Leichen ihrer Eltern überstand das Feuer und sobald die Schüsse aufhörten, rannten sie zurück in die Küche. Alle waren tot.

Die Mädchen packten ein paar wichtige Dinge zusammen, dann versteckten sie sich wieder bis in den späten Nachmittag, bis es sicher war, dass die deutschen Soldaten verschwunden waren. Dann flüchteten sie sich in den Wald, wo sie andere Familien trafen, die überlebt hatten. Von ihnen erfuhren sie von den Verbrechen, die in Sant’Anna begangen worden waren, von dem Berg brennender Leichen auf dem Kirchplatz.

Als Enrico zurück zum Haus lief, um zu versuchen, das Feuer zu löschen, ging er nicht über den Kirchplatz und betrat auch nicht die Küche, in der die Leichen beider Familien lagen. Er konnte immer noch nicht begreifen, was passiert war. Er sagte, von diesem Tag an sei er kein normales Kind mehr gewesen. „Wenn du noch so jung bist und deine Mama suchst, sie aber nicht mehr das ist und nie wieder kommt, ist das sehr, sehr schwer.“

Der restliche August zog sich für Enrico lange hin, denn er hielt sich ebenso wie andere Familien in einer Grotte im Wald versteckt aus Angst, deutsche Soldaten könnten wiederkehren. Er sagte, Sant’Anna nach diesem 12. August könne man sich nicht vorstellen – „alles Ruinen, alles zerstört, nur noch Stille und keine Menschen mehr. Viel Traurigkeit und wenig Glück.“

Er lebte noch bis 1951 in Sant’Anna, dann zog er nach Pietrasanta, um einen Beruf zu erlernen. 1960 verließ er Italien und zog  in die Schweiz. Dort lebte er für 32 Jahre, gründete eine Familie und zog seinen Sohn groß. Zunächst wollte er nicht  nach Deutschland reisen oder etwas mit Deutschen zu tun haben, denn er hegte immer noch Groll und Hass gegen sie. Doch 1970 musste er sich entscheiden, ob sein Sohn eine deutschsprachige oder eine französischsprachige Schule besuchen sollte. Er entschied sich für die deutsche. Das war jedoch keine leichte Entscheidung für ihn. Allerdings war man zu dieser Zeit gerade dabei, ein gemeinsames Europa aufzubauen, und  auch er wollte an diesem neuen Europa mitwirken. So ging es auch vielen anderen emigrierten Italienern.

Ein oder zwei Mal im Jahr kehrte er nach Sant’Anna zurück. Doch er sprach niemals darüber, wie es für ihn gewesen war Kriegswaise zu sein. Nachdem er in die Schweiz gezogen war, fühlte er sich allein, orientierungslos; er hätte sich leicht verlieren können, so erzählte er uns. Dass das nicht passiert ist, verdankte er seiner Frau.

1992 kehrte er zurück nach Italien, nach Sant’Anna di Stazzema. Er wurde gebeten, im dortigen Museum mitzuhelfen und als Zeitzeuge zu sprechen, doch zuerst lehnte er dieses Angebot ab, denn es war noch zu schwierig für ihn, über diese Zeit und seine Familie zu sprechen. Aber dann merkte er, dass man diese Erinnerung dringend brauchte, v. a. junge Menschen, wie wir es sind. Deswegen spricht er darüber. Er tut es für uns, für unsere Zukunft.

Was in Sant’Anna geschah, sei ein Verbrechen gegen die Menschheit. Enrico fordert, dass wir uns alle dafür einsetzen müssen, dass es nie wieder ein Sant’Anna gibt. Der Erste und der Zweite Weltkrieg brachten das Schlimmste der Menschheit zu Tage. Soldaten hatten Kinder getötet worden, Kinder, die leben wollten, Kinder, die keine Schuld trugen. In Sant’Anna hatten nur Kriegsflüchtlinge und Zivilbevölkerung gelebt, keine Partisanen

2009 reiste Enrico das erste Mal nach Deutschland, nach Köln. Er erfuhr, dass auch diese Stadt zu 90 Prozent zerstört worden war. So wurde ihm klar, dass nicht nur Sant’Anna, sondern ganz Europa in Schutt und Asche gelegen hatte.

2011 lud ihn der italienische Staatspräsident, Giorgio Napolitano, nach Rom ein. 2013 fuhren Napolitano und der deutsche Bundespräsident, Joachim Gauck, zusammen nach Sant’Anna, um der Opfer zu gedenken. (www.spiegel.de/politik/deutschland/gauck-und-napolitano-gedenken-opfer-von-ss-massaker-in-sant-anna-a-890656.html)

2013 erhielt Enrico zusammen mit Enio Mancini den Stuttgarter Friedenspreis der AnStifter. (stuttgarter-friedenspreis.de/bisherige-preistraeger/friedenspreistraeger-2013/)

Sein Sohn lebt immer noch in Basel, spricht Deutsch und hilft ab und zu bei Besuchen von Schulgruppen. Er sei zwar kein Opa, aber es gehe ihm gut, er sei zufrieden, so Enrico.

Seine Bitte an uns bleibt: „Werdet Europäer! Fühlt euch europäisch! Wir brauchen Europa.“ Falls sich der nationale Egoismus und Imperialismus durchsetzen sollte, dann wären wir in 20 Jahren wieder an einem Punkt wie Sant’Anna. Es sei wichtig, internationale Freundschaften zu knüpfen und zusammenzuhalten. Die EU sei ein großes Land und habe viele große und wichtige Werte, die man nutzen solle. Zusammen könne man daran arbeiten, ’schlechte‘ Eigenschaften zu verbessern.

Er dankte uns von ganzem Herzen für unser Kommen und seine letzten Worte waren: „Ich umarme euch alle!“

Als nächstes trafen wir uns mit den Schwestern Siria und Adele Pardini, ebenfalls Überlebende des Massakers. Siria war zu diesem Zeitpunkt neun, ihre Schwester vier Jahre alt.

Für beide verlief der Tag sehr unterschiedlich. Siria musste früh morgens hinunter auf die Weide und nach den Tieren schauen, weil es einer ihrer Schwestern nicht so gut ging. Zusammen mit ihrem Vater, ihren Brüdern Vittorio und Vinicio und ihrer Schwester Licia war sie aufgebrochen. Sie wussten nicht, dass die Deutschen bereits auf dem Weg nach Sant’Anna waren. Ihr Vater und ihre Schwester liefen allerdings noch einmal zurück, um die Kuh zu holen.

Ihr Haus lag sehr nahe an einer der Pfade, die die Soldaten genommen hatten, um in das Dorf zu gelangen. Während Licia nach Kohlblättern für die Kuh suchte, hatte der Vater die Kuh aus dem Stall geholt. Zu diesem Zeitpunkt seien die Deutschen bereits sehr nah gewesen; der Vater und die Schwester seien ihnen nur knapp entgangen, erklärte Siria.

Die Geschwister und der Vater verbrachten den Tag auf der Weide, bis die älteste Schwester Cesira zu ihnen gerannt kam und ihnen sagte, sie sollen sich verstecken. Cesira war verletzt, wollte ihnen jedoch nicht erzählen, was passiert war. Das erfuhren sie erst später.

 

Adele und der Rest der Familie – ihre Mutter und ihre Schwestern Cesira, Maria, Lilia und Baby Anna – waren gerade beim Frühstücken als die Deutschen auftauchten. Adele erinnerte sich, dass ihre Schale mit Milch umfiel, als sie überfallen und den Berg hinuntergeschubst wurden. Weiter unten wurden sie mit 30 anderen – Verwandten und Kriegsflüchtlingen – in drei Reihen an einer Wand aufgestellt. Eines der anderen Kinder hieß Claudio und er war zwei Jahre alt.

Ihre Mutter flehte die Soldaten an, den Säugling Anna zu verschonen, daraufhin schossen sie ihr mit einer Pistole in den Kopf. Dann  fingen sie an, auf die an der Wand aufgestellten Menschen zu feuern. Adele wurde von einer Kugel an der Nase getroffen.

Ohne, dass es die Soldaten bemerkten, hatte sich die Tür zum Stall hinter den Kindern geöffnet und Cesira gelang es, ihre Geschwister dort hinein zu ziehen. Ihre Schwester Lilia erzählte ihr später, dass Adele nicht aufhörte „Mama, Mama!“ zu schreien, und sie ihr deswegen den Mund zugehalten hatte.

Die Soldaten setzten anschließend den Stall in Brand. Die Kinder kletterten über den leblosen Körper ihrer Mutter wieder hinaus, als die Soldaten verschwunden waren. Cesira nahm Anna aus den Armen der Mutter und führte ihre jüngeren Geschwister zu einer Grotte weiter unten. Allerdings war man in der Grotte nicht komplett versteckt und Soldaten hatten aus der Ferne auf sie gefeuert. Dabei wurde Adeles Schwester Maria schwer verletzt. Cesira ging dann noch einmal zurück zum Stall und suchte nach Überlebenden. Sie fand ein einjähriges Kind.

Cesira lief anschließend den Hang hinunter, um den Vater zu warnen.

Adele erzählte uns, dass sie lange Zeit nicht verstanden hatte, was passiert war und immer wieder nach ihrer Mutter gesucht hatte.

Die Männer, die sich im Wald versteckt hatten, hätten zumeist gar nicht mitbekommen, was in Sant’Anna geschehen war. Sie seien erst sehr spät wieder aus den Wäldern gekommen und fanden ein zerstörtes Dorf vor. Es habe sehr große Verzweiflung geherrscht, sagte Siria. Viele von diesen Männern haben sich später umgebracht.

Baby Anna starb im Alter von 20 Tagen am 3. September. Nur drei Tage zuvor hatte man noch ein Foto von ihr aufgenommen. In ihren Windeln fand man sieben Kugeln.

Ihre Schwester Maria starb am 19. September an ihren Verletzungen. Man hatte noch versucht, sie in das Krankenhaus in Valdicastello zu bringen, doch vergebens.

Siria wurde zuerst bei ihrer Tante untergebracht und musste anschließend in eine Klosterschule in der Nähe. Adele hatte eine Zeit lang bei der Grundschullehrerin gelebt. Diese war allerdings an den Augen verletzt worden und deswegen erblindet. Dort durfte Adele jedoch nicht lange bleiben, da sie oft ins Bett gemacht hatte. So kam sie mit ihrem Bruder Vittorio ebenfalls in die Klosterschule, denn der Vater schaffte es nicht, sich um so viele Kinder zu kümmern. Er wurde 1946 sehr schwer krank und musste in einen Krankenhaus in Livorno.

Die Geschwister machten aufgrund ihrer traumatischen Erfahrungen sehr oft ins Bett. Die Ordensschwestern zogen ihnen dann das nasse Bettzeug über den Kopf, sodass es alle sehen konnten. Deswegen wurden sie sehr oft verspottet und ausgelacht. Sie wären gerne weg gegangen, zurück nach Sant’Anna, doch das war nicht möglich.

Erst 1948 kehrten sie nach Sant’Anna zurück. Ihr Vater hatte eine neue Frau geheiratet und einen sechs Monate alten Sohn mit ihr – Mario.

Siria heiratete 1954 und zog von Sant’Anna weg . Erst nach 17 Jahren kehrte sie zurück nach Pietrasanta.

Adele heiratete 1960. Ihr Sohn heißt Claudio, benannt nach dem zweijährigen Jungen, der ermordet wurde. Sie hat lange Zeit für eine Deutsche, die mit einem Italiener verheiratet war, als Haushaltshilfe gearbeitet. Diese habe ihr sehr viel gezeigt und war immer sehr nett zu ihr gewesen, meinte Adele. Sie vermutete, dass sie eine Art „Ersatztochter“ für die Frau gewesen war, denn ihre eigene Tochter war gestorben.

Dies alles erzählten uns die beiden Schwestern nach einer kleinen Wanderung zu ihrem damaligen Haus und dem Stall, vor dem sie aufgestellt worden waren.

Danach wanderten wir zusammen mit Siria und Adele den Friedensweg zum Ossarium auf der Bergspitze. Dort zeigten sie uns die Gedenkplatten ihrer Familie. Am höchsten Punkt erhebt sich das weit über die ganze Umgebung sichtbare Mahnmal, in dessen Öffnung ein Sarkophag aus Marmor steht. Die Namen auf der großen Tafel sind alphabetisch geordnet. Neben den Namen ist auch das Alter angegeben. Das jüngste Opfer ist Anna Pardini mit 20 Tagen, das älteste Anna Tognetti mit 87 Jahren.

Nachdem wir den Kreuzweg wieder hinuntergewandert waren, aßen wir in einem kleinen Cafè zu Mittag – Bohnensalat, Tomatensalat, Brot, Käse und Salami. Danach hatte man die Möglichkeit, sich entweder das lokale Museum anzuschauen oder ein wenig Siesta zu halten, bis uns der Bus um 3 Uhr zurück zum Konvent oder an den Strand bringen würde.

Das Museum des Widerstands ist in den Räumen der ehemaligen Grundschule von Sant’Anna untergebracht. Dort kann man u. a. Spike Lees Film „Miracle in Sant’Anna“ anschauen oder in Dokumenten, Fotografien und Tageszeitungen aus dem Archiv des Historischen Instituts des Widerstandes der Provinz Lucca stöbern.

Autor*in: Christina Gohle

Tagebuch 7. August

Warum?

Heute starteten wir den Tag mit einem italienischen Frühstück in einem kleinen Cafè in Pietrasanta – Kaffee und „Pasta“, was in diesem Fall so viel heißt wie „Gebäck“. Mit ausreichend Zucker im Blut begannen wir unsere Wanderung nach Sant’Anna. Dabei waren 736 Höhenmeter zu überwinden.

Die Führung übernahmen zwei Italiener von UOEI – „Unione Operaia Escursionisti Italiani“ -, ein NaturFreunde-ähnlicher Verein. Sie erklärten sehr optimistisch, für die Wanderung bräuchte man etwa drei Stunden.
Wie sich jedoch bald herausstellte, war unsere Gruppe weit weniger fit und auf so eine Wanderung vorbereitet, wie zunächst angenommen.

Auf dem Weg zeigten uns unsere Guides ehemalige Zuflüchte der Partisanen, aber auch Bauernhöfe/Wohnhäuser, die von den Deutschen abgebrannt wurden.

Dort trafen wir den wichtigsten Mann des heutigen Tages: Enio Mancini.

Er ist ein Überlebender des Massakers in Sant’Anna. Wir hatten die Möglichkeit und das Privileg, seine Geschichte aus erster Hand zu erfahren.

Er stieg in die Geschichte ein, indem er uns von der Journalistin Christiane Kohl erzählte, die Interviews sowohl mit Überlebenden als auch mit deutschen Soldaten geführt hatte, die in Sant’Anna beteiligt gewesen waren. Ihr ist es gelungen, durch viel Recherchearbeit die Namen einiger Täter herauszufinden. Einen Artikel darüber veröffentlichte sie u. a. im Magazin der Süddeutschen Zeitung, am 29. Oktober 1999. In ihrem Buch Der Himmel war strahlend blau. Vom Wüten der Wehrmacht in Italien (erschienen im Picus Verlag, Wien 2004, ISBN 9783854524847) ist er heute noch zu finden.

Am 12. August 1944 machte sich eine deutsche Einheit frühmorgens auf drei oder vier verschiedenen Wegen auf den Weg in das Bergdorf Sant’Anna. Sie sollten es etwa um 7 Uhr erreichen. Jemand hatte sie jedoch kommen sehen und warnte die Bewohner mit lauten Rufen: „Die Deutschen kommen! Die Deutschen kommen!“

Die Männer flüchteten sofort in die Wälder aus Angst, zur Zwangsarbeit rekrutiert und deportiert zu werden. Bevor Enios Vater floh, sagte er zu seinem Sohn: „Du brauchst keine Angst zu haben! Sie werden den Großeltern, Frauen und Kindern nichts tun!“

Die Familie brachte schnell alle ‚wertvollen‘ Gegenstände wie Geschirr oder Bettzeug in Sicherheit aus Angst, die Deutschen würden die Häuser anzünden und alles vernichten. Doch sie wurden bald von Soldaten aus ihren Häusern geholt. Sie und auch alle anderen Bewohner von Sennari – zugehörig zu Sant’Anna – wurden in Richtung des nächsten Dorfes Vallechia getrieben.

Enios, seine Mutter und seine Schwester gingen jedoch sehr langsam, da ihnen eingefallen war, dass sie die Kuh im Stall vergessen hatten, und sie versuchen wollten, zum Haus zurückzulaufen. Es gelang ihnen auch zurückzuschleichen, das Haus war jedoch bereits angezündet und die Kuh gestorben. Dies war ein schreckliches Ereignis für die Familie, da ihnen nun die Lebensgrundlage entzogen worden war.

Bei dem Versuch das Feuer zu löschen wurden sie von deutschen Soldaten gefunden und zusammen mit anderen Familien und Kindern in Richtung des Kirchplatzes von Sant’Anna getrieben. Wenn sie dort angekommen wären, wären sie zusammen mit allen anderen ermordet worden. Da sie jedoch barfuß gingen, kamen sie nur langsam voran – zu langsam für die meisten Soldaten, die sich entschlossen, vorneweg zu gehen. Nur ein sehr junger Soldat lief hinter ihnen.

Dieser rief ihnen zu: „Schnell, schnell!“ und deutete plötzlich in eine andere Richtung, als in die, in die sie gelaufen waren. Sie verstanden zwar das Deutsche nicht, rannten aber augenblicklich in die gezeigte Richtung. Auf einmal hörten sie mehrere Schüsse hinter sich.

Der Soldat hatte in die Luft gefeuert und sie entkommen lassen. Damit rettet er ihnen das Leben. Erst vor drei Jahren fand Enio den Namen des Soldaten durch dessen Enkel heraus.

Die Familie Mancini begab sich dann zu ihrem Haus zurück in der Hoffnung, noch etwas retten zu können. Sie hörten zwar Schüsse und sahen Rauch, doch was auf dem Kirchplatz passiert war, wussten sie noch nicht. Gegen Mittag kehrte dann eine absolute Stille ein – die Soldaten hatten Sant’Anna verlassen.

Am Nachmittag wagten sie sich zum Kirchplatz. Schon auf dem Weg dorthin fanden sie Leichen auf der Straße liegen. Auf dem Kirchplatz erwartete sie ein schrecklicher Anblick: dort türmten sich verkohlte Körper – Menschen, die von den Soldaten erschossen und verbrannt worden waren. Enio erzählte, er habe als erstes nach seinen Freunden gesucht, aber niemanden gefunden.

Das jüngste Opfer war Anna Pardini, 20 Tage alt. Noch jünger war allerdings das Baby, das während der Geburt ermordet wurde. Die Soldaten erschossen die Mutter noch in den Wehen, schlitzten ihr den Bauch auf und erschossen das ungeborene, namenlose Kind.

Besonders schlimm für Enio war es, dass unter den Angreifern nicht nur Deutsche, sondern auch maskierte Italiener aus den umliegenden Dörfern gewesen waren. Er erkannte sie anhand des versilianischen Dialektes, den sie sprachen. Diese Italiener hatten beispielsweise den Deutschen den Weg in das Dorf gezeigt.

Anführer der Einheit war SS-Kommandant Anton Galler.

Enio und seine mit dem Vater wiedervereinte Familie versteckte sich anschließend noch bis zum 21. September im Wald aus Angst, die Deutschen könnten wiederkommen. Ihm ist noch deutlich in Erinnerung, dass sie nur sehr wenig Wasser hatten. Zu wenig Wasser, um sich oder die Kleidung zu waschen.

Am 21. September entdeckten dann einige Späher näherkommende Soldaten und anhand der Helme erkannten sie ihre Nationalität: Amerikaner! Zu diesen rannten sie sofort und riefen um Hilfe.

Enio erinnert sich, dass er zuerst einen großen Schreck bekam, denn unter den amerikanischen Soldaten war ein Afro-Amerikaner; er hatte, wie es in Deutschland auch gelehrt worden war, beigebracht bekommen, dass Dunkelhäutige „böse“ sind. Aber der Soldat gewann das Herz des kleinen Jungen mit einem Stück Schokolade und trug ihn den ganzen Weg zum Dorf zurück.

Das Dorf wurde notdürftig wieder aufgebaut und die Dächer mit dem vorhandenen Stroh gedeckt. Bis 1950 gab es für Enios Familie weder Fensterscheiben noch ein richtiges Dach.

1945 kehrte Enio in die Schule zurück. Von den ehemals 43 Kindern hatten nur zwölf überlebt. Er schloss die Schule 1950 ab. Die Zeit direkt nach dem Massaker empfand er als besonders bedrückend, denn den Kindern wurde verboten zu spielen, zu singen oder zu lachen. Das ganze Dorf war in einer Art Trauerstimmung.

Die Frage, die für ihn bleibt, ist: „Warum?“

Sant’Anna war ein Dorf voller Zivilisten und Kriegsflüchtlingen gewesen. Von dort war kein Angriff auf die deutsche Wehrmacht ausgeübt worden.

So etwas wie Gerechtigkeit gab es für ihn erst 2005, als die italienische Staatsanwaltschaft einen Prozess gegen zehn Täter aufnahm. In der dritten Instanz wurden diese dann 2007 schuldig gesprochen und in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt. Man forderte Deutschland auf, die Haftstrafe dort zu vollziehen, doch die zuständige Stuttgarter Staatsanwaltschaft unter der Leitung von Staatsanwalt Häußler – viele kennen ihn vielleicht noch von Stuttgart 21 – sagte, es wäre nur möglich, ein Verfahren in Deutschland einzuleiten.

Diese Ermittlungen wurden allerdings 2012 eingestellt mit der Begründung, das Merkmal der Grausamkeit und der niederen Beweggründe sei nicht nachzuweisen.

Das war für Enio und auch andere Überlebende sehr niederschmetternd. Schließlich hatten die Deutschen nicht anonym eine Bombe abgeworfen – nein, sie waren in das Dorf hochgeklettert und hatten den Menschen, die sie töteten, in die Augen geblickt. Man denke nur an die Mutter und ihr ungeborenes Kind.

Einer der noch lebenden Angeklagten wohnt heute noch isoliert in einem Altersheim in Hamburg. Sein Name ist Gerhard Sommer. Enio versuchte einmal Kontakt mit ihm aufzunehmen, wurde jedoch nicht zu ihm vorgelassen.

Im Museum von Sant’Anna wurde uns von Pietro, dem Schwiegersohn einer Überlebenden, ein selbstgegossenes Kunstwerk, das an ein berühmtes Bild mit spielenden Kindern angelehnt ist, überreicht. Stellvertretend für die Initiative Sant’Anna der AnStifter (www.die-anstifter.de) nahmen wir dieses Geschenk in Empfang.

Wir hatten anschließend leider keine Zeit mehr, das Museum zu besichtigen. In kleinen Gruppen verließen wir Sant’Anna entweder per Bus oder zu Fuß. Nachdenklich und müde kamen wir schließlich im Convento an, wo wir sobald von Fabrizio mit einem fabelhaften Abendessen beglückt wurden.

Vielen Dank – mille grazie – an alle, die an diesem unvergesslichen Tag mitgewirkt haben!

Autor*in: Christina Gohle

Tagebuch 6. August

Secret Mission

Ausgeschlafen und mit einem üppigen „deutschen“ Frühstück – natürlich mit Wurst und Käse – starteten wir heute in den Tag. Danach trafen wir uns zum Morgenplenum, von den Teamern liebevoll „Mopl“ genannt. Zur Auflockerung und dem ersten Kennenlernen begannen wir mit dem Spiel „das kotzende Känguru“ oder auf Italienisch „il canguro che vomita“, in dem verschiedene Figuren – das kotzende Känguru, James Bond, der Toaster oder die Waschmaschine – von der Gruppe dargestellt werden müssen. Danach sammelten wir unsere Vorstellungen an das Projekt und, was jeder von uns dazu beitragen kann.

Bevor wir uns zum Mittagessen trafen, stellte sich die Künstlerin Irene Lupi vor, die sich hauptsächlich mit dem Thema „Erinnerung“ auseinandersetzt und u. a. Partisanen interviewte. Mit ihr wird jeder Teilnehmer ein kleines Kunstprojekt  gestalten. Beispielsweise werden wir eine „Erinnerungbox“ kreieren, in die jeder einen Gegenstand hineinlegt, die er oder sie mit Sant’Anna oder unserem Projekt verbindet. Diese Box darf die Gruppe, die nächstes Jahr Pietrasanta und Sant’Anna besucht, dann öffnen.

Das Mittagessen – Tomatensalat, Insalata Mista, Brot, Käse und Wurst – wurde mit viel Spaß gemeinsam vorbereitet. 

 

In gemischten Kleingruppen versuchte man dann, sich gegenseitig auf einen „gleichen“ oder gemeinsamen Kenntnisstand zum Zweiten Weltkrieg, dem deutsch-italienischen Bündnis und den Partisanenkämpfen bzw. dem Widerstand zu bringen.

Für Interessierte lässt sich hier ein Pdf-Dokument mit einer Zusammenfassung finden.

Nachdem der anstrengende Teil des Tages hinter uns lag, machten wir in Vierergruppen – zwei Deutsche, zwei Italiener – die Stadt Pietrasanta unsicher. Unsere Aufgaben waren zum Beispiel etwas Obst gegen Mitbringsel einzutauschen, was Einigen auch hervorragend gelang. Zu unserer Beute gehört u. a. ein handgefertigter Pfeil von einem Mittelaltermarkt und ein selbstgemachter Holzkreisel. Auch die „beste“ Eisdiele der Stadt zu finden – natürlich durch Probieren – war nicht schwer. Die Aufgabe, ein Foto von einem deutschen Touristen zu machen, war jedoch komplizierter als gedacht, denn leider nicht alle blonden Menschen sind automatisch Deutsche. Doch nachdem auch diese Aufgabe gemeistert worden war, war es ein leichtes eine andere Gruppe auf einer „Secret Mission“ zu beschatten und heimlich Fotos von ihnen zu schießen.

Autor*in: Christina Gohle

Tagebuch 5. August

Sant’Anna? – Nie gehört!

Das dachte ich auch, als ich das erste Mal von der Gedenkstättenfahrt der NaturFreundejugend in die Toskana nach Sant’Anna di Stazzema hörte. Dort hatten am 12. August 1944, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, deutsche Soldaten das Bergdorf Sant’Anna überfallen und eines der größten deutschen Verbrechen auf italienischem Boden verübt. Bei dem dortigen Massaker ermordeten sie etwa 560 Zivilisten, darunter vor allem wehrlose Frauen und Kinder, auf erbarmungslose Art. Wo einst grauenvolles Töten vonstatten ging, befindet sich heute ein Friedenspark mit Gedenkstätte und Museum, ganz besonders dank des jahrzehntelangen, unermüdlichen Einsatzes der wenigen Überlebenden. Es sind diese Zeitzeugen, die uns herzlich eingeladen haben, von ihnen persönlich ihre Geschichte zu hören, sowie am Ort des Gedenkens über die Vergangenheit zu forschen, über die Gegenwart und Zukunft Europas zu diskutieren und sie bewusst mitzugestalten.

Dieser Einladung folgten neun deutsche Jugendliche und neun italienische Schülerinnen und Schüler, die von fünf Teamern betreut werden. Mit allen gemeinsam möchten wir ein Programm für die Gedenkfeierlichkeiten in Sant’Anna aufstellen.

Am Samstagabend kamen wir schließlich nach einer langen, fast 20-stündigen Fahrt in Pietrasanta an, wo wir ein einem Konvent übernachten. Als Begrüßung kochten uns die italienischen Teilnehmenden ein leckeres Abendessen.

Autor*in: Christina Gohle

Ausschreibung

Friedensarbeit in Sant’Anna

Eine italienisch-deutsche Jugendbegegnung mit Gedenkstättenfahrt

Du bist zwischen 18 und 27 Jahren alt?
Du willst mit jungen Italienern und Deutschen etwas unternehmen?
Du interessierst dich für politische Zusammenhänge und geschichtliche Hintergründe?
Du möchtest deine Interessen und deine Neugierde einbringen?

Dann freuen wir uns über deine Bewerbung für eine besondere Reise in die Toskana!

Geschichtlicher Hintergrund und Aktivitäten:

Am 12. August 1944, gegen Ende des zweiten Weltkrieges, überfielen deutsche Soldaten das toskanische Bergdorf Sant’Anna di Stazzema und verübten eines der größten deutschen Verbrechen auf italienischem Boden. Bei dem dortigen Massaker ermordeten sie etwa 560 Zivilisten, darunter vor allem wehrlose Frauen und Kinder, auf erbarmungslose Art. Wo einst grauenvolles Töten vonstatten ging, befindet sich heute ein Friedenspark mit Gedenkstätte und Museum, ganz besonders dank des jahrzehntelangen, unermüdlichen Einsatzes der wenigen Überlebenden. Es sind diese Zeitzeugen, die uns herzlich einladen, von ihnen persönlich ihre Geschichte zu hören, sowie am Ort des Gedenkens über die Vergangenheit zu forschen, über die Gegenwart und Zukunft Europas zu diskutieren und sie bewusst mitzugestalten.

Trailer „das zweite trauma“ – Doku über das Massaker von SantÁnna – hier

Für unsere Friedensarbeit stehen uns vielfältige Möglichkeiten zur Verfügung. Wir können aus verschiedensten Workshop-Angeboten mit kreativen oder multi-medialen Methoden wählen. Zum Abschluss kann dabei auch eine Präsentation und Dokumentation mit den Mitteln unserer Wahl entstehen. Geplant ist auch, dass wir einen eigenen Beitrag zu den Gedenkfeierlichkeiten des Jahrestags des Massakers am 11. und 12. August vorbereiten.

Klar, dass wir uns, zusammen mit den italienischen Teilnehmenden, viel Zeit fürs gegenseitige Kennenlernen und die Besichtigung der Umgebung nehmen, ob beim gemeinsamen Zubereiten der Mahlzeiten mit Chefkoch Fabrizio, beim Erkunden des mittelalterlichen Städtchens Pietrasanta, bei sportlichen Aktivitäten oder bei einem Ausflug ans Meer…

Verbindliche Vor- und Nachbereitungsseminare

09.06.-11.06. & 14.-15.10.2017 in der Jugendherberge Stuttgart

Preis: 100,-Euro

Das Projekt wird durch Zuschüsse des Landes-Baden-Württemberg, des Bundes und Teilnehmerbeiträge finanziert.
Leistungen: Fahrt (Bahn), Übernachtungen, Verpflegung, Reiseorganisation und -leitung

Anmeldung

Wir freuen uns über deine rasche Anmeldung über unser Anmeldformular (s.u.) Bitte schreibe, wer du bist und warum du zu unserem Workcamp mitkommen möchtest.

Zum Anmeldeformular: hier

Veranstaltungs-Nr.: S03/17

Flyer zum Workcamp (PDF): Flyer_St._Anna

Plan Tagesablauf Workcamp (PDF): Tagesablauf_Programm_St_Anna

Naturfreundejugend Württemberg
Tina Panzer
Neue Str. 150
70190 Stuttgart
Tel: 0711 48 10 77, Fax, 0711 48 10 77
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