Tagebuch 13. August

Der Tag der Heimfahrt war gekommen. Um 6 Uhr ging es los zu einem letzten gemeinsamen Frühstück in der Stadt und dann zum Bahnhof. Unsere Redner, Arbina, Julian und Marco, erhielten noch ein kleines Geschenk, bevor wir uns alle voneinander verabschieden mussten.

Nach einer langen Gruppenumarmung und einigen Tränen, stiegen wir in den Zug, der uns zunächst nach Florenz, dann nach Bologna und schließlich nach München bringen würde. In Florenz hatten wir durch die lange Umsteigezeit die Möglichkeit, die Stadt zu besichtigen.

Während der Fahrt wurde versäumter Schlaf nachgeholt, Skat und andere Kartenspiele gespielt, Musik gehört oder einfach ein wenig geplaudert.

In München trennte man sich dann. Eine Gruppe fuhr Richtung Ulm bzw. Stuttgart weiter, die andere Richtung Erfurt. Gegen Mitternacht trafen auch die letzten erschöpft, aber glücklich, in ihren Zielbahnhöfen ein.

Es ist schwierig, etwas Zusammenfassendes über unsere Reise zu sagen. Sie hat nachdenklich gestimmt und berührt, aber auch Spaß gemacht. Sie hat uns weinen und lachen und den wenigen Schlaf verfluchen lassen. Sie hat uns angestrengt. Sie hat uns neue Freundschaften geschenkt. Von den Höhen und Tiefen war alles dabei. Es war eine einzigartige Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Ich freue mich schon darauf, alle an unserem Nachbereitungsseminar wiederzusehen.

 



 

Bericht und Bilder von Christina Gohle

Tagebuch 12. August

12.08.17

Heute Morgen ging es in aller Frühe hoch nach Sant’Anna, um vor den Gedenkfeierlichkeiten noch ein Zeitzeugeninterview zu führen. Los gingen diese dann um 9 Uhr mit einem Gottesdienst und einer anschließenden Wanderung zum Ossarium über den Kreuzweg – wie gestern Abend auch. Dabei waren italienische Würdenträger, beispielsweise der Bürgermeister von Sant’Anna und der Ministerpräsident der Toskana. Mit den vielen Flaggen und den militärischen Uniformen wirkte das vielleicht auf manche etwas Befremdlich. Neben den Flaggen der einzelnen Gemeinden, wurden die Friedensflagge und die Europaflagge geschwenkt.

Darum ging es u.a. auch in den Reden, für Frieden und ein gemeinsames Europa, gegen Faschismus und Nationalismus. (Reden hielten u.a. Enrico Mancini; der Präsident des Kulturausschusses des Senats, Sen. Andrea Marcucci; Maurizio Verona; der Finanzminister der Region Toskana, Vittorio Bugli; Vadim Tkhor, erster Sekretär der russischen Botschaft in Italien, Irmgard Maria Fellner von der deutschen Botschaft und Alexander Zvyacincev, Stellvertretender Generalstaatsanwalt von Russland.)

Es gab auch zwei Redebeiträge aus unserem Friedenscamp – eine deutsche und eine italienische Rede, die eine von Julian Kufferath-Sieberin, die andere von Arbina Dika. Beide wurden vom Publikum sehr gut aufgenommen.

Das Wetter war perfekt, keine Spur mehr von den Regenwolken des vergangenen Abends. Der Himmel war strahlend blau, wie auch an jenem Tag vor 73 Jahren.

Gegen Nachmittag war die Veranstaltung am Ossarium abgeschlossen und man lief den Berg wieder hinunter. Mittagessen gab es erneut bei Enrico Pieri. Eingeladen waren diesmal neben der Wandergruppe und uns, u.a. auch der Bürgermeister, der russische Generalstaatsanwalt, die deutsche Anwältin Gabriele Heinecke, die für einen Prozess in Deutschland gekämpft hatte, und Eberhard Frasch von den AnStiftern.

Zum Abschluss der Feier überbrachte Eberhard Frasch im Namen der AnStifter-Initiative Sant’Anna den Dank an Mitglieder des Camps und des Museums in Sant’Anna und ehrte sie für ihre Arbeit, darunter Gabriele Heinecke, die Rechtsanwältin; Fabrizio, unser Koch; Enrico und Mario stellvertretend für alle Zeitzeugen; unsere Teamer Petra, Helena, Wendelin und Giulia; die Künstlerin Irene Lupi; Michele Morabito, Bürgermeister für Kultur der Kommune Stazzema; Irmgard Maria Fellner, die Gesandtin der Deutschen Botschaft in Rom; Simone Caponera  und Simone Tonini, die für das Museum verantwortlich sind; und zu guter Letzt ich selbst, Christina Gohle, für das Schreiben dieses Blogs.

Eines der schönsten Punkte des Nachmittags war für mich, als angefangen wurde, Partisanenlieder zu singen. Am bekanntesten davon natürlich „Bella ciao“. Da mein Video leider zu groß ist, um es hochzuladen, hier ein Link zu einer wunderschönen Version von Hannes Wader und Konstantin Wecker.

Schließlich kehrten wir in das Konvent zurück, wo wir bis zum Abendplenum noch ein wenig Zeit zum Packen und für andere Dinge hatten. Beim „Abpl“ besprachen wir dann unser Camp – Dinge, die gut liefen, Dinge, die vielleicht nicht so gut liefen; wie es uns mit den Menschen, Aktivitäten und Themen ging; und wie wir unser Erlebnisse zusammenfassen würden.

Als gemeinsamer Abschluss gab es Essen und eine kleine Feier im „Croce Verde“ – das grüne Kreuz  -, eine Organisation wie die Malteser, die sich um wohltätige Zwecke kümmert. Das kalte Büffet war ausgesprochen lecker und wir genossen die Möglichkeit ein letztes Mal in italienischem Essen schwelgen zu können.

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Während der After-Party wurden letzte Begriffe in der jeweils anderen Sprache beigebracht: Deutsche Lebensweisheiten, wie „Schlafen kann man wenn man tot ist“, und italienischer Grundwortschatz, wie „il goccino“ = ein Schlückchen. Da ein Abschied nach solch einer intensiven Woche sehr schwer ist, blieben viele bis in die Morgenstunden wach, um die letzte gemeinsame Zeit ausnutzen zu können.

Tagebuch 11. August

11.08.17

Nachdem am Vormittag eifrig an unseren Workshops gearbeitet wurde, Reden geschrieben und Beiträge vorbereitet, ging es nach dem Mittagessen nach Sant’Anna. Dort sollten noch ein paar Interviews geführt werden und man hatte Zeit sich noch einmal das Museum anzusehen. Auch einige Videos für Irene’s Kunstprojekt, der Erinnerungsbox, wurden gedreht.

Ich habe zum Beispiel einen Stein in diese Box gelegt, einen Stein, den ich auf der Wanderung nach Sant’Anna aufgehoben habe. Er soll nicht nur den erfolgreichen Abschluss unserer Wanderung symbolisieren, sondern auch den Weg, den die deutschen Soldaten gelaufen sind. Vielleicht sind sie sogar auf genau diesen Stein getreten. Der Stein trägt somit „Erinnerung“.

Viele halfen auch mit,  das Abendessen bei Enrico vorzubereiten, das für uns als auch für eine italienische Wandergruppe vorbereitet wurde.

Helena und ich fuhren dann gegen Abend noch einmal zurück zum Konvent und in die Stadt, denn trotz vieler warnender Worte, waren doch einige Teilnehmende nur leicht bekleidet und niemand hatte mit einem derartigen Kälteeinbruch gerechnet. Also fuhren wir zum Konvent, packten Handtücher und Wollsocken, zusätzliche Hosen und Jacken ein und gingen sogar noch ein paar Strumpfhosen einkaufen. Vollgepackt mit Klamotten fuhren wir nach Sant’Anna zurück und wurden freudig in Empfang genommen. Es waren etwa zehn Grad, doch gefühlt Minus fünf. Ich selbst trug beispielsweise eine dünne Jeans unter meiner Trekkingshose, meine warmen Wanderschuhe, ein Top, ein langärmeliges T-Shirt, eine dicke Bluse, eine Regenjacke und einen Schal. Das war gerade so angemessen.

Das Abendessen war trotzdem ein voller Erfolg. Nach einer leckeren „Pasta“ als Vorspeise, gab es gegrillte Würstchen und Fleisch. Dazu Brot, Salate und Wein. Man unterhielt sich gut mit den anwesenden Italienern, trotz mangelnder Italienischkenntnisse. Auch dabei war die stellvertretende deutsche Botschafterin, Frau Irmgard Maria Fellner, aus Rom.

Nach dem Abendessen traf man sich auf dem Kirchplatz. Dort wurden Kerzen verteilt und anschließend führte der Priester die Versammelten über den Kreuzweg hoch zum Ossarium. Wir liefen  in absoluter Stille, nur begleitet von den Glocken der Kirche von Sant’Anna. Es hatte etwas Meditatives an sich, die gleichmäßigen Glockenschläge, die rhythmischen Fußschritte den Berg hinauf, das flackernde Licht der Kerzen.

Oben wurden verschiedene Reden gehalten, jeweils von einer musikalischen Einlage unterbrochen. Gespielt wurden u.a. Simon & Garfunkel – Sound of Silcence oder Bob Dylan – Blowing in the wind. Auch von uns gab es eine tolle Rede, geschrieben von Marco, der auch den italienischen Blog führt. Darin verarbeitet er seine persönlichen Eindrücke des Friedenscamps.

Während der Reden setzte leichter Regen ein, doch wir wurden nicht nennenswert nass. Bevor man nach und nach den Berg wieder hinunterkletterte, wurde die Friedensglocke neben dem Ossario geschlagen.

Mit dem Bus ging es dann zurück zum Konvent.

Tagebuch 10. August

Heute haben wir uns hauptsächlich mit unseren Workshops beschäftigt. Dazu zuerst ein kleiner Bericht von Nick Waldstädt.

Der aus neun Teilnehmenden bestehende Workshop „Histro-Bistro“, welcher innerhalb des Workcamps angeboten wird, hat sich zur Aufgabe gestellt, weitere Zeitzeugenberichte, sowie Berichte Überlebender der zweiten und dritten Generation aufzunehmen, zu übersetzen und zu archivieren.  Dies ist von besonderer Bedeutung, da wir einer der letzten Generationen angehören, welche die Möglichkeit hat, persönlich mit Zeitzeugen in Kontakt treten zu dürfen. Der Workshop „Histro-Bistro“ leistet somit einen großen Beitrag, um die nachfolgenden Generationen über die Erinnerungen der Hinterbliebenen zu informieren. Mit den Interviews der Nachkommen der zweiten und dritten Generation können wir aus einem weiteren sehr emotionalen und spannenden Blickwinkel die Erinnerungen und Gedanken der Überlebenden besser verstehen.

In Vorbereitung auf die Interviews haben sich die Teilnehmenden intensiv anhand von Literatur und Videoausschnitten mit den Geschehnissen in Sant`Anna auseinandergesetzt. Auf Grundlage des bereits bestehenden, sowie neu erworbenen Wissens, wurden drei Fragenkataloge erstellt. Der erste bezieht sich vor allem auf ältere Bürger, die gebürtig aus Pietrasanta und naher Umgebung stammen. Pietrasanta ist die nächstgrößere Stadt nahe Sant`Anna di Stazzema. Die Fragen beziehen sich, neben Informationen zum Leben an der Versilia unter deutscher Besetzung während des Sommers 1944, auch auf die Verbindungen der Bürger Pietrasantas zu Sant`Anna – damals und heute.

Der zweite Fragenkatalog ist an Überlebende des Massakers in Sant`Anna gerichtet. Er soll neben Erinnerungen, sowie den Gefühlen und Emotionen der Hinterbliebenen, während der Ereignisse am Morgen des 12. Augusts, auch deren Leben nach dem Massaker und die heutige Auseinandersetzung mit den Geschehnissen erfassen. Weiterhin haben wir einen Fragenkatalog an Nachkommen der zweiten und dritten Generation erstellt, der darauf abzielt zu erfahren, wie die Überlebenden mit ihren Kindern über die Ereignisse am 12. August 1944 gesprochen haben. Dazu enthält er Fragen, wie sie ihre Vorfahren und deren Erinnerungen wahrgenommen haben, sowie zum Leben als ein Nachfahre eines Überlebenden.

Infolge des Workshops sind wir in Kleingruppen in Pietrasanta unterwegs gewesen, um mit Zeitzeugen zu sprechen. Die Teilhabe war sehr positiv und es konnten gute Ergebnisse erzielt werden. Insgesamt wurden etwa sechs Personen befragt, darunter auch ein Sohn von einem damals in den Bergen kämpfenden Partisanen. Durch die Interviewfragen wurde ein Konflikt zwischen zwei rüstigen Frauen angestoßen, welcher sehr gut wiederspiegelte, das siebzig Jahre nach den Geschehnissen von Sant`Anna noch immer in Diskussion steht, ob die Partisanen eine Ursache der Massaker waren.

Zudem hatten wir die Möglichkeit mit zwei Nachfahren der zweiten Generation zu sprechen. Eine davon war Marisa, welche die Tochter zweier Überlebender von Sant`Anna ist und auch dort aufwuchs.

In Planung stehen weitere Gespräche mit Überlebenden der zweiten Generation, aber auch ein Interview mit einer Überlebenden von Sant`Anna.


Tobias Rieger berichtet über den Kunstworkshop:

Irene Lupi und Giulia Muto leiteten den Kunstworkshop, welcher sich aus zwei Italienerinnen und zwei Deutschen zusammensetzte. Irene motivierte die Teilnehmenden, sich kreativ völlig frei zu fühlen und regte an, sich unterschiedlichster Genres, Materialien und Ideen zu bedienen. Irene legte Wert darauf, dass in erster Linie ein innerlicher Entwicklungsprozess einsetzen sollte, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Ein abgeschlossenes Projekt müsse nicht zwangsweise am Ende des Workshops vorgezeigt werden.

Schlussendlich fokussierte sich die Gruppe auf vier verschiedene Projekte. Zum einen wurde mit einem zeitgenössischen Plakat, welches den faschistischen Körperkult durch unterschiedliche Gymnastikübungen verdeutlicht, gearbeitet. Die Körperübungen wurden nachgestellt und ein dem Original nachempfundenes Plakat  entworfen, welches die indoktrinären Vorstellungen des nationalen Leistungskults umdreht und durch eine Botschaft des Friedens und internationalen Miteinanders ersetzt.

Das zweite Projekt versuchte die Mutterlosigkeit der beiden Überlebenden des Massakers, Siria und Adele, allegorisch auf Papier einzufangen. Im dritten Projekt entstanden mit Ton und Gips Friedenssymbole. Ein viertes Projekt versuchte für die Filmmitschnitte der Zeitzeugeninterviews und Impressionen von Sant‘Anna ein musikalisches Thema am Klavier einzufangen.


Auch im Workshop Dokumentation wurde kräftig weitergearbeitet. Das Radioprojekt wird in einem Erfurter Radio ausgestrahlt werden, Radio F.R.E.I. Dafür wurden heute verschieden Teilnehmer über das Projekt interviewt. Auch der italienische und der englische Blog machen große Fortschritte und werden in den nächsten Tagen hochgeladen. Um alle unsere Projekte, Bilder und Videos zu sammeln haben wir eine eigene Seite für Sant’Anna erstellt. Eine alternative Seite mit Bildern findet ihr unter: https://naturfreunde-giengen.de/?page_id=440


Am Nachmittag machten wir einen Ausflug ins Marmormuseum. Dort konnten wir beobachten, wie die Gipsvorlagen abgemessen und Punkt für Punkt auf den Marmor übertragen werden. Dort steht auch eine riesige Nachbildung Michelangelo’s David. Wir konnte sowohl den Künstlern bei der Arbeit zuschauen, als auch tausende von Mamorfiguren bei einer kleinen Führung besichtigen. Danach hielten wir noch eine Einführung in die Entstehungsgeschichte des weißen Marmors, der typisch für diese Region ist und nirgends sonst auf der Welt vorhanden ist. Er zeigte uns auch Steinschichten, in die Fossilien eingeschlossen waren. Zum Abschluss durften wir uns an den übrig gebliebenen Steinbrocken bedienen und etwas weißen, grauen oder rosa Marmor mit nach Hause nehmen.

          
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(Bild von Arbina Dika)


Über das Nachtleben in Pietrasanta:

Nach so vielen Tagen in Pietrasanta muss ich noch ein paar Worte über die abendliche Stadt sagen. Die Geschäfte schließen natürlich oft nachmittags, dafür sind sie aber abends bis um 24 Uhr geöffnet. Man stelle sich eine malerische Altstadt vor, 10 Uhr abends, alles hell erleuchtet und die Straßen voller Menschen, die ein Schwätzchen halten, noch ein wenig einkaufen gehen, ein Eis essen – einfach leben.

Eine lebendige Innenstadt am Abend kann man sich dagegen in Deutschland nur schwer vorstellen. Je nach Größe der Stadt ist sie entweder wie leergefegt oder von betrunkenen Studenten oder anderen Feiernden bevölkert. Natürlich ist es hier im August auch noch um Mitternacht angenehm warm, doch es ist nicht nur das. In jeder Ecke lassen sich Kunst und Skulpturen finden, Galerien sind geöffnet, Kleidergeschäft haben ihre Waren ausgestellt. Insgesamt ist die Atmosphäre einfach eine andere. (Lebens-)Kunst wird in dieser Stadt großgeschrieben. Ob es an der italienischen Lebensphilosophie, „la dolce vita“, oder an der liebevollen Gestaltung der Innenstadt, liegt – Deutschland könnte sich auf jeden Fall eine Scheibe davon abschneiden.